Esther Bamberger, geb. Dym

Esther Bamberger, geb. Dym (1906-1963)

Die Universität Leipzig konnte bis zum Jahr 1933 zeitweise Weltgeltung in den Fachbereichen Physik, Mathematik und Chemie erreichen. Esther Bamberger, geb. Dym (1906-1963)[1] war eine der wenigen weiblichen Studierenden der Naturwissenschaften in dieser Zeit. Ihr Studium der Chemie vollendete sie in nur drei Jahren und promovierte sich nachfolgend bei Dr. Arnold Weissberger. Die zunehmende antisemitische Ausgrenzung jüdischer Studierender und die Versperrung der Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Karriere durch die Nationalsozialisten zwangen sie 1933 zur Emigration in das britische Mandatsgebiet Palästina. Hier wirkte sie bis zu ihrem Tod an der noch jungen Hebräischen Universität in Jerusalem.

Esther Bamberger wurde am 5. Dezember 1906 als Esther Dym in Przeworsk geboren, das zu diesem Zeitpunkt im habsburgischen Kronland Galizien lag. Sie war eine von fünf Töchtern des selbständigen Kaufmannes Chaim Dym und dessen Frau Chana, geborene Englard. Zunächst begann sie ihre schulische Ausbildung an der Volksschule ihrer Heimatstadt. Da die Familie Przeworsk jedoch noch während ihrer Schulzeit verließ und nach Deutschland emigrierte, setzte sie ihre Schullaufbahn zunächst in Berlin fort. Das Abitur legte Esther Dym 1926 an der II. Studienanstalt in Leipzig ab. Diese war 1907 aus der Teilung der Hugo-Gaudig-Schule in eine Höhere Mädchenschule und ein Lehrerinnenseminar hervorgegangen und vertrat in dieser Tradition einen reformpädagogischen Ansatz.[2]

Bereits im gleichen Jahr immatrikulierte sich Esther Dym an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig im Studienfach Chemie. Binnen dreier Jahre bestand sie sowohl das erste als auch das zweite Examen und begann 1929 mit der Arbeit an ihrer Dissertation. Unter Betreuung durch den Privatdozenten Dr. Arnold Weissberger konnte sie ihre zweiteilige Dissertationsschrift bis zum Frühjahr 1932 fertigstellen (Bild 2).  Diese widmete sich zum einen dem Thema „Über die Geschwindigkeit der Autoxydation“. Der zweite Teil wurde unter dem Titel „Über die Reaktion des Diazoessigesters mit Säuren im Gaszustand“ verfasst (Bild 3). In Weissbergers Gutachten über ihre Arbeit, die in Teilen 1933 in Band 502 in Justus Liebigs Annalen der Chemie veröffentlicht wurde, hieß es: „Auch bei dieser Arbeit hat sich Frl. Dym als sehr fleißig und überlegt erwiesen und die Fähigkeit gezeigt, die ihr gestellten Aufgaben kritisch und verständnisvoll zu lösen“. Ihre mündlichen Abschlussprüfungen in den Fächern Chemie, Physik und Mathematik fanden am 12. und 13. Dezember 1932 statt. Diese wurden von den Professoren Burckhardt Helferich, dem späteren Nobelpreisträger Peter Debye und Léon Lichtenstein abgenommen und wie ihre Dissertationsschrift mit guten Noten beurteilt (Bild 4).


[1] Nicht gesondert ausgewiesene Zitationen beziehen sich aus folgendem Artikel: Wiemers, Gerald. Vertrieben aus Leipzig – heimisch geworden in Jerusalem. Die Chemikern Esther Bamberger wurde vor 100 Jahren geboren; in: FREIHEIT UND RECHT (2007/1).

[2] Hugo Gaudig Schule | Hugo Gaudig (hugo-gaudig-schule.de) [letzter Aufruf: 29.02.2024].

[3] Antisemitischer Ausschluss – Jüdische Gelehrte an der Universität Leipzig (juedischegelehrtesachsen.de).

[4] Gerald Wiemers, Verfolgung und Vertreibung 1933–1935. Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Abteilung der Philosophischen Fakultät und ihre jüdischen Wissenschaftler, in: Stephan Wendehorst (Hg.), Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, 563–590, hier 569.

[5] Zu Verwandten von Esther Bamberger siehe: Geni – Ester Bamberger (Dym) (1906-1963) [letzter Aufruf: 10.02.2025]; zu Schwester Dora Shapira siehe: Schapira, Dora. In: Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden. Bundesarchiv [letzter Aufruf: 29.02.2024]; Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer – Angaben auf dem Dokument (yadvashem.org) [letzter Aufruf: 29.02.2024].

[6] Geni – Fotos in Fotos von Ester Bamberger [letzter Aufruf: 10.02.2025].

Julius Fürst>>

Doch nicht ihre gesamte Studienzeit verbrachte Esther Dym an der Universität Leipzig. Ab dem Winter 1927/28 studierte sie für zwei Semester in Würzburg, wo sie auch ihr erstes Staatsexamen im Chemischen Labor bestand (Bild 5). Vermutlich lernte sie in dieser Zeit ihren späteren Ehemann Bernhard Seligmann Bar (hebräisch: Izchak Dov) Bamberger (1902-1974), einen Anglisten und Religionslehrer, kennen. Dieser war ein Urenkel des „Würzburger Raw“, Seligman Bär Bamberger, und entstammte damit einer bedeutenden Rabbinerfamilie des deutschsprachigen Raumes. Nach Abschluss ihrer Dissertationsschrift heirateten Esther und Izchak Dov Anfang 1933 in Würzburg. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Klima gegenüber jüdischen Studierenden und Hochschullehrenden in eine feindselige Haltung entwickelt.

Bereits seit dem Wintersemester 1931/32  stellte der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund die stärkste Kraft im Allgemeinen Studentenausschuss. Regelmäßige antisemitische Kampagnen dominierten schon vor 1933 die Studienlandschaft an der Universität.[3] In diesem Umfeld und mit dem Beginn der antisemitischen Gesetzgebungen seit Anfang 1933 war für Esther Bamberger eine wissenschaftliche Karriere in Leipzig ausgeschlossen. Eine Zukunft im nationalsozialistischen Deutschland sahen sie und ihr Mann für sich bereits kurz nach ihrer Hochzeit nicht mehr, sodass sie im August 1933 in das britische Mandatsgebiet Palästina emigrierten. Der Druck von Esther Bambergers Dissertation musste daher nun aus dem Ausland organisiert werden. Durch Vermittlung der Professoren Ludwig Weickmann, Burckhardt Helferich und Paul Koebe konnte der Abschluss der Promotion und die Aushändigung der Promotionsurkunde 1935 erwirkt werden. Unterstützung fand Bamberger in dieser Zeit durch ihre Eltern Chaim und Chana Dym, die die Angelegenheiten in Leipzig begleiteten (Bild 6). 1936 konnten auch sie noch rechtzeitig emigrieren und folgten ihrer Tochter nach Palästina.[4] Auch drei ihrer Schwestern, Edith Luxner, Tzila Englard und Racy Neubauer konnten sich durch Emigration vor der nationalsozialistischen Verfolgung retten. Dora Schapira jedoch, die älteste der Dym-Töchter, wurde am 28. Oktober 1938 im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ deportiert und während der Shoah ermordet.[5]

Nach der Emigration setzte Esther Bamberger ihre Tätigkeit in den Naturwissenschaften fort. Sie trat in das Institut für Chemie, das 1924 durch den späteren Präsidenten des Staates Israel, Chaim Weizman, gegründet wurde, ein und leitete die Abteilung für Physik und Chemie der Universitätsbibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem (Bild 7[6]) . Ihr 1934 geborener Sohn Elchanan folgte ihren naturwissenschaftlichen Interessen, auch er wurde Chemiker und arbeitete am Weizman-Institut in Jerusalem. Das zweite Kind der Familie Bamberger, Naomi, wurde 1940 geboren. Izchak Dov Bamberger setzte seine Tätigkeit als Lehrer bis 1952 fort, danach arbeitete er als Chefinspektor für den Englischunterricht im Erziehungsministerium. Am 24. Februar 1963 verstarb Esther Bamberger in Jerusalem.


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